• 19.10.2026
  • Interview

„Harvest now, decrypt later“: Warum Post-Quantum-Kryptografie schon heute zählt

Noch gibt es keinen Quantencomputer, der aktuelle Verschlüsselungen bricht, gesammelt werden die Daten dafür aber schon jetzt. Im it-sa-365-Interview erklärt Eric Wood, Senior Director of Cryptography and Product Security bei Infineon Technologies, warum sich Unternehmen längst nicht mehr fragen sollten, ob sie auf Post-Quantum-Kryptografie umstellen, sondern nur noch wann. Von Rechenzentren über Cloud-Infrastruktur bis zu Industrieanlagen und Embedded-Systemen ordnet Wood ein, welche Branchen zuerst handeln sollten und was das „Harvest now, decrypt later“-Szenario konkret bedeutet.

Geschrieben von Nicole Wörner

Moderatorin im Studio, Eric Wood (Infineon) auf Bildschirmen

Dass ein kryptografisch relevanter Quantencomputer frühestens in rund fünf Jahren einsatzbereit sein könnte, beruhigt Eric Wood kaum: Wer heute verschlüsselte Datenpakete aus dem Rechenzentrum oder der kritischen Infrastruktur abfängt, kann sie einfach aufbewahren, bis die nötige Rechenleistung zum Entschlüsseln verfügbar ist. Genau dieses „Harvest now, decrypt later“-Szenario treibt laut Wood auch die NSA dazu, mit CNSA 2.0 einen festen Zeitplan für die Umstellung auf Post-Quantum-Kryptografie vorzugeben.

Wie Unternehmen ihre Verschlüsselung jetzt konkret auf den Prüfstand stellen sollten, beschreibt der Beitrag Post-Quantum-Kryptographie: Warum Unternehmen jetzt handeln müssen.

Am weitesten ist dabei ausgerechnet das Rechenzentrum: Seit etwa einem Jahr fragen Sicherheitsverantwortliche dort gezielt nach PQC-Unterstützung für Mikrocontroller. Weil dieselben Sicherheitsingenieure häufig auch die Anforderungen für IoT-Geräte und Industrieanlagen mitprägen, wandert dieser Druck zunehmend auch in smarte Geräte und Anlagen, die zehn bis zwanzig Jahre im Feld bleiben.

Für Infineon ist das ein echter „Supercycle“: PQC wird laut Wood zum Anlass für Redesigns, die Kunden ohnehin längst vor sich hergeschoben hatten – inklusive neuer Formfaktoren, größerer Speicher und zusätzlicher Schnittstellen. Parallel dazu setzt die EU mit dem Cyber Resilience Act eigene Fristen für die Produktsicherheit europäischer Hersteller, während die USA mit CNSA 2.0 den Zeitplan für die PQC-Migration vorgeben.

Der Beitrag Cyber Resilience Act: ENISA-Playbook für Hersteller zeigt, welche konkreten Pflichten der Cyber Resilience Act Herstellern auferlegt.

Darüber hinaus geht es im Gespräch um NIST-Standards wie ML-KEM und ML-DSA, um Krypto-Agilität als Absicherung gegen künftige Algorithmus-Wechsel und um die Frage, ob Europa eigene Kryptografie braucht, um unabhängig zu bleiben. Antworten gibt Eric Wood, Senior Director of Cryptography and Product Security bei Infineon Technologies.

Eric Wood von Infineon lächelnd im Videointerview

Kapitelübersicht

  • 0:00  Intro: Post-Quantum-Kryptografie und die Frage nach ihrer Dringlichkeit
  • 0:44  CRQC: Die Unterscheidung zwischen normalem Quantencomputer und „kryptografisch relevantem“ Quantencomputer
  • 1:34  Harvest-now-decrypt-later und der NSA-Zeitplan (CNSA 2.0)
  • 3:21  Welche Branchen zuerst handeln müssen: Cloud/Data Center vs. Embedded/IoT
  • 4:43  Wie Sicherheitsanforderungen aus dem Data Center in IoT und Industrie wandern
  • 7:03  Bestandsprodukte nachrüsten oder nur neu designen? PQC als „Supercycle“
  • 9:46  Technische Folgen: größere Signaturen, neue Hardware-Beschleuniger, neue Schnittstellen
  • 11:15  Wie stabil sind die NIST-Standards ML-KEM und ML-DSA?
  • 12:44  Hybrid-Ansätze und Krypto-Agilität als Antwort auf Unsicherheit
  • 15:20  Die Rolle der USA und Europas bei den Standards: CRA trifft CNSA 2.0
  • 17:06  Digitale Souveränität: Braucht Europa eigene Kryptografie?
  • 19:09  Fazit und Verabschiedung

 

Die Insights auf einen Blick

  • Daten heute abgreifen, später entschlüsseln: Quantencomputer machen abgefangene Daten langfristig zur Gefahr – die NSA setzt deshalb feste PQC-Fristen.
  • PQC als Redesign-Treiber: Die Nachfrage nach quantensicheren Mikrocontrollern löst bei Infineon einen regelrechten „Supercycle“ aus.
  • Krypto-Agilität: Austauschbare Algorithmen über standardisierte APIs erleichtern künftige Umstellungen.
  • Digitale Souveränität: Offene PQC-Standards verbinden Europa und die USA. Die kryptografische Trennlinie zu China bleibt bestehen.
  • Hybride als Absicherung: Die Kombination von PQC und klassischer Kryptografie federt mögliche Schwächen neuer Algorithmen ab.

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