Der Jurist Dr. Marco Gercke berät große Konzerne und Regierungen zu Cyberkrisen. Außerdem lehrt er als Honorarprofessor an der Universität zu Köln. In seiner Keynote zur diesjährigen it-sa wird er in einer Simulation zeigen, welche Folgen Entscheidungen in einer komplexen Cyberkrise haben können und was für eine optimale Entscheidungsfindung notwendig ist. Im Interview klärt er über typische Probleme in solchen Lagen auf.
Inhaltsverzeichnis
- Werdegang
- Wiederkehrende Probleme
- Lücken in der Strategie
- Die Simulation auf der it-sa
- Do's and Don'ts
- KI verändert die Bedrohungslage
Sie beraten große Konzerne sowie Regierungen und waren im Auftrag verschiedener internationaler Organisationen wie NATO oder UNO unterwegs. Wie war Ihr Werdegang dorthin?
Dr. Marco Gercke: Ich habe Jura und Wirtschaftswissenschaften studiert, zwei Unternehmen gegründet und anschließend über Internetkriminalität promoviert. Ende der 1990er Jahre war das insbesondere in der Rechtswissenschaft noch ein sehr junges Forschungsgebiet.
Meine Dissertation gehörte zu den ersten wissenschaftlichen Arbeiten in Deutschland, die sich intensiv mit diesem Thema beschäftigten. Im Rahmen der Arbeit an meiner Habilitation ergaben sich Einladungen zu Fachkonferenzen und Veranstaltungen internationaler Organisationen wie der Vereinten Nationen. Damals gab es weltweit nur eine vergleichsweise kleine Zahl von Experten, die sich wissenschaftlich mit Internetkriminalität beschäftigten.
Später habe ich unter anderem die Deutsche Telekom beraten und als Experte für den Europarat gearbeitet sowie Forschungsprojekte für die Europäische Kommission durchgeführt. Ein Schwerpunkt meiner Arbeit verlagerte sich dabei zunehmend auf die Frage, wie Entscheidungsträger – etwa Vorstände, Geschäftsführer oder Minister – auf Cyberkrisen vorbereitet werden und unter erheblichem Zeitdruck tragfähige Entscheidungen treffen können.
Treffen Sie bei Ihren Klienten auf Probleme, die sich gleichen, immer wiederholen?
Dr. Marco Gercke: Ja. Ein grundlegendes Problem besteht darin, dass die Rolle der obersten Führungsebene in einer Cyberkrise häufig nicht hinreichend definiert ist. Für CISOs und IT-Leiter existieren technische Standards und etablierte Prozesse. Für Vorstände und Geschäftsführer gibt es einen vergleichbaren Orientierungsrahmen vielfach nicht.
Hinzu kommt eine Besonderheit von Cyberkrisen – Entscheidungen müssen häufig getroffen werden, bevor der Sachverhalt vollständig bekannt ist. Trotzdem können diese Entscheidungen erhebliche und teilweise irreversible Konsequenzen haben.
Das Abschalten eines Systems kann beispielsweise sinnvoll sein, aber auch dazu führen, dass ein geschäftskritischer Prozess für Tage ausfällt. Ähnliches gilt für Lösegeldzahlungen: Wer unter Zeitdruck zahlt und erst anschließend feststellt, dass der Empfänger auf einer Sanktionsliste steht, mag ein Problem gelöst aber ein zusätzliches rechtliches Problem geschaffen haben.
Die Herausforderung besteht deshalb darin, auch unter Unsicherheit strukturiert zu entscheiden und irreversible Fehlentscheidungen möglichst zu vermeiden.

