• 12.08.2026
  • Interview

Wie Unternehmen echte Cyber-Resilienz schaffen: "Prävention allein reicht nicht mehr aus"

Cyberangriffe lassen sich nicht immer verhindern. Nach Überzeugung von Nils Hondong, Director Product Management von Imprivata, müssen Unternehmen deshalb über die klassische Prävention hinausdenken. Im Interview erläutert er, warum das Identitäts- und Zugriffsmanagement zum Fundament der Cyber-Resilienz wird, welche Chancen und Herausforderungen KI mit sich bringt und wie sich kritische Prozesse auch im Ernstfall absichern lassen.
Porträt Nils Hondong, Director Product Management bei Imprivata
Nils Hondong, Imprivata: "Das Ziel besteht nicht nur darin, Vorfälle zu verhindern, sondern betriebliche Krisen zu vermeiden. Kritische Arbeitsabläufe müssen auch im Ernstfall weiterlaufen."

Der Begriff Cyber-Resilienz wird derzeit häufig verwendet. Wie unterscheidet sich Cyber-Resilienz von klassischer IT-Sicherheit?

Nils Hondong: Die traditionelle IT-Sicherheit hat sich weitgehend auf Prävention konzentriert: Bedrohungen stoppen, bevor sie in das System eindringen. Cyber-Resilienz greift deutlich weiter. Sie befasst sich mit der Frage, ob das Unternehmen auch dann sicher und effektiv weiterarbeiten kann, wenn doch einmal etwas schiefgeht. Dabei spielen Identitäten eine zentrale Rolle. Während eines Vorfalls müssen Unternehmen wissen, wer noch Zugriff hat, welche Berechtigungen eingeschränkt werden müssen und wie legitime Mitarbeiter sicher weiterarbeiten können. In geschäftskritischen Umgebungen ist das die eigentliche Bewährungsprobe. Es geht nicht nur darum, Angriffe abzuwehren. Es geht darum, den Zugriff aufrechtzuerhalten, Störungen einzudämmen, sich schnell zu erholen und die Arbeit zu schützen, die nicht unterbrochen werden darf.

Warum reicht es heute nicht mehr aus, Angriffe ausschließlich verhindern zu wollen?

Nils Hondong: Die IT-Landschaften sind heutzutage zu komplex, Prävention allein reicht nicht mehr aus. Unternehmen verwalten Altsysteme, Cloud-Dienste, gemeinsam genutzte Geräte, den Zugriff durch Dritte und mittlerweile auch KI-gesteuerte Dienste und Agenten. Das schafft mehr Angriffspunkte, mehr Identitäten und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass ein Angriff unerkannt durchrutscht. 

Prävention ist nach wie vor unverzichtbar. Unternehmen benötigen jedoch auch leistungsfähige Funktionen zur Erkennung, Eindämmung und Wiederherstellung sowie Transparenz darüber, wer oder was auf kritische Systeme zugreift.

Viele Sicherheitsstrategien gehen inzwischen davon aus, dass Angreifer früher oder später erfolgreich sein werden. Wie verändert diese Annahme die Sicherheitsstrategie von Unternehmen?

Nils Hondong: Die IT-Sicherheitsphilosophie wandelt sich von einer Perimeter-Verteidigung hin zu einer kontinuierlichen Kontrolle. Der Fokus verlagert sich darauf, Berechtigungen einzuschränken, den Zugriff kontinuierlich zu überprüfen, die Transparenz zu verbessern und die Auswirkungen einzelner Sicherheitsverletzungen zu minimieren. Genau hier kommt Resilienz ins Spiel. Das Ziel besteht nicht nur darin, Vorfälle zu verhindern, sondern sicherzustellen, dass ein einzelnes negatives Ereignis nicht zu einer betrieblichen Krise führt.

Wie wichtig ist das Identitäts- und Zugriffsmanagement für die Widerstandsfähigkeit von Unternehmen?

Nils Hondong: Das Identitäts- und Zugriffsmanagement spielt eine zentrale Rolle für die Widerstandsfähigkeit von Unternehmen. Es legt fest, wer unter welchen Bedingungen und für wie lange auf welche Ressourcen zugreifen darf. In den heutigen IT-Umgebungen umfasst dies Mitarbeiter, Auftragnehmer, Lieferanten, Service-Konten, vernetzte Geräte und auch KI-Agenten. Auch das Thema Identity Governance gewinnt zunehmend an Bedeutung, weil Unternehmen nachweisen können müssen, warum ein Zugriff gewährt wurde, wer ihn genehmigt hat und ob er zum richtigen Zeitpunkt wieder entzogen wurde. Sind die Identitätskontrollen lax, ist auch die Widerstandsfähigkeit schwach. Sind Identitäten gut gesteuert, transparent und anpassungsfähig, sind Unternehmen viel besser in der Lage, ihren Betrieb zu schützen, ohne legitime Arbeitsabläufe zu verlangsamen.

Woran können Unternehmen erkennen, dass sie im Bereich Identity Security und Access Management noch Nachholbedarf haben?

Nils Hondong: In der Regel gibt es mehrere eindeutige Warnzeichen. Wenn Teams nach wie vor auf gemeinsam genutzte Passwörter, generische Konten, pauschale Zugriffsrechte oder manuelle Umgehungslösungen zurückgreifen, besteht Handlungsbedarf. Gleiches gilt, wenn Zugriffsprüfungen nur langsam durchgeführt werden, privilegierte Aktivitäten schwer nachverfolgbar sind oder die Beantwortung grundlegender Audit-Fragen zu lange dauert. Ein einfacher Test lautet: Kann das Unternehmen die Sicherheit verbessern, ohne dabei kritische Arbeitsabläufe zu behindern? Falls nicht, gibt es wahrscheinlich noch Nachholbedarf.

Welche typischen Fehler beobachten Sie bei Unternehmen, die ihre Identitäts- und Zugriffssicherheit modernisieren möchten?

Nils Hondong: Einer der größten Fehler besteht darin, Modernisierung als reines Technologie-Upgrade zu betrachten. In regulierten, schnelllebigen Umgebungen muss die Identitätsverwaltung zu den tatsächlichen Arbeitsabläufen, gemeinsam genutzten Endpunkten, Legacy-Anwendungen und Compliance-Anforderungen passen. Wenn man diese Realität außer Acht lässt, mögen die Kontrollmaßnahmen auf dem Papier zwar solide aussehen, versagen jedoch in der Praxis.

Ein weiterer häufiger Fehler besteht darin, den Fokus ausschließlich auf Mitarbeiter zu legen und dabei Externe sowie nicht-menschliche Identitäten zu übersehen. Service-Konten, Maschinenidentitäten, APIs, Automatisierungstools und KI-Agenten verfügen oft über weitreichende Zugriffsrechte, unterliegen jedoch einer deutlich schwächeren Governance, was eine erhebliche Sicherheitslücke darstellen kann.

Wie hängen Multifaktorauthentifizierung und passwortlose Authentifizierung zusammen?

Nils Hondong: Beide Konzepte sind eng miteinander verbunden, unterscheiden sich jedoch voneinander. Bei der Multi-Faktor-Authentifizierung wird grundsätzlich mehr als eine Form des Nachweises verlangt. Bei der passwortlosen Authentifizierung entfällt das Passwort und es kommen sicherere Methoden wie Passkeys, biometrische Verfahren oder gerätebasierte Anmeldedaten zum Einsatz. In vielen Fällen ist die passwortlose Authentifizierung die bessere Wahl für eine starke Authentifizierung, weil sie die Sicherheit erhöht und gleichzeitig den Aufwand für den Benutzer verringert.

Welche Herausforderungen müssen Unternehmen bei der Einführung passwortloser Verfahren bewältigen?

Nils Hondong: Die größte Herausforderung besteht darin, dass passwortloses Arbeiten nicht nur eine Funktion ist. Es handelt sich vielmehr um einen Wandel im Mindset des Unternehmens und der Mitarbeiter. Unternehmen müssen sich mit Altanwendungen, gemeinsam genutzten Geräten, Wiederherstellungsprozessen, der Akzeptanz durch die Nutzer sowie der Einheitlichkeit der Richtlinien über verschiedene Rollen und Umgebungen hinweg auseinandersetzen. Das ist besonders wichtig für die Arbeit beispielsweise am Patienten im Gesundheitswesen, an der Maschine in der Fertigungsindustrie und in vielen anderen Branchen. Viele passwortlose Modelle wurden für persönliche Geräte entwickelt, nicht für gemeinsam genutzte Arbeitsplätze oder Handgeräte, die während einer Schicht von mehreren Personen genutzt werden.

An einem Schlagwort kommen wir nicht mehr herum: Künstliche Intelligenz. Welche Chancen und Risiken bringt KI für die Cybersicherheit mit sich?

Nils Hondong: KI bietet echte Chancen. Sie kann Sicherheitsteams dabei helfen, Anomalien schneller zu erkennen, den manuellen Aufwand zu reduzieren und große Mengen an Daten besser auszuwerten. Sie birgt jedoch auch neue Risiken. Angreifer können KI nutzen, um Phishing-Angriffe zu verfeinern, Erkundungsmaßnahmen zu automatisieren und schneller vorzugehen. Gleichzeitig setzen viele Unternehmen KI intern ein, bevor sie über wirksame Kontrollmechanismen in Bezug auf Zugriff, Datennutzung und Rechenschaftspflicht verfügen.

Welche neuen Anforderungen entstehen durch KI-Anwendungen für Identity- und Access-Management?

Nils Hondong: Die KI führt eine wachsende Anzahl nicht-menschlicher Identitäten ein, die ordnungsgemäß verwaltet werden müssen. Dazu gehören Agenten, Bots, Orchestrierungsdienste, APIs und automatisierte Arbeitsabläufe. Diese Entitäten können auf sensible Daten zugreifen, Aktionen auslösen oder systemübergreifend interagieren, weshalb sie nicht als unsichtbare Hintergrundprozesse behandelt werden dürfen. Unternehmen benötigen für sie daher eindeutige Identitäten, detaillierte Berechtigungen, ein robustes Anmeldedatenmanagement, eine kontinuierliche Überwachung sowie eine klare menschliche Verantwortlichkeit dafür, was sie tun dürfen.

Cyber-Resilienz ist nicht nur eine technische, sondern auch eine organisatorische Aufgabe. Welche Rolle spielen Prozesse, Governance und die Sicherheitskultur der Mitarbeitenden für eine widerstandsfähige Organisation?

Nils Hondong: Wenn etwas schiefgeht, greifen Unternehmen auf ihre gewohnten Verhaltensmuster zurück. Deshalb sind eine starke Unternehmensführung, klare Prozesse und eine gesunde Sicherheitskultur so wichtig. Technologie kann Kontrollmaßnahmen durchsetzen, aber letztendlich sind es immer noch Menschen, die Entscheidungen treffen, Ausnahmen behandeln, Zugriffsrechte genehmigen und unter Druck reagieren. Die Widerstandsfähigkeit hängt davon ab, ob das Unternehmen diese Aufgaben klar, konsequent und schnell bewältigen kann.

Besonders in kritischen Infrastrukturen wie dem Gesundheitswesen können Sicherheitsvorfälle unmittelbare Auswirkungen auf Menschen haben. Welche Erkenntnisse aus diesen Umgebungen sind auch für andere Branchen relevant?

Nils Hondong: Die wichtigste Erkenntnis ist, dass es bei der Cybersicherheit in erster Linie darum geht, die Kontinuität der Arbeit auch im Fall des Falles zu gewährleisten.
Im Gesundheitswesen wird dies beispielsweise besonders deutlich, weil die Folgen dort unmittelbar spürbar sind. Das Gleiche gilt jedoch auch für die Fertigungsindustrie und andere kritische Branchen. Wenn der sichere Zugriff ausfällt, wirken sich die Folgen schnell von der IT auf den operativen Betrieb aus.

Eine weitere wichtige Erkenntnis ist, dass Sicherheit die Geschwindigkeit unterstützen muss, anstatt sie zu behindern. An Fertigungsstraßen in der Fabrik oder am OP-Tisch im Krankenhaus funktionieren Kontrollmaßnahmen nur dann, wenn sie auf die tatsächlichen Arbeitsabläufe der Mitarbeiter zugeschnitten sind.

Welche Maßnahmen sollten Unternehmen priorisieren, um ihre Cyber-Resilienz nachhaltig zu stärken?

Nils Hondong: Sie sollten damit beginnen, Identitäten als zentrale Infrastruktur zu betrachten. Das bedeutet, die Authentifizierung zu modernisieren, Zugriffskontrollen zu verschärfen, pauschale Berechtigungen zu reduzieren, die Transparenz zu verbessern und das Spektrum an Identitäten im gesamten Unternehmen zu steuern – einschließlich KI-Agenten und Service-Konten.

Ebenso wichtig ist es, Resilienz als Betriebsmodell zu etablieren. Eine starke Governance, erprobte Reaktionsprozesse und Sicherheitskontrollen, die auf die tatsächlichen Arbeitsabläufe zugeschnitten sind, machen langfristige Resilienz nachhaltig. Dies trägt dazu bei, Störungen zu minimieren, die Kontrolle zu behalten und kritische Arbeitsabläufe am Laufen zu halten.

Die Fragen stellte Nicole Wörner.

Vita Nils Hondong: 
Geboren 1979 in Bocholt, absolvierte Nils Hondong bis 2000 eine Ausbildung zum Kommunikationselektroniker mit Fachrichtung Informationstechnik. Anschließend war er als Administrator im Rechenzentrum eines internationalen Logistikunternehmens tätig, bevor er von 2002 bis 2007 als Berater für Active Directory und Citrix Terminal Services arbeitete. 2007 war er Mitgründer der OGiTiX Software AG, wo er sich mit dem Schwerpunkt Identity und Access Management, dem Produktmanagement sowie der Leitung des Engineerings widmete. Nach der Akquisition durch Imprivata verantwortete er als Director Engineering bis 2026 die technische Weiterentwicklung. Seit 2026 ist er als Director Product Management tätig; seine besondere Expertise liegt in den Bereichen Identity und Access Management sowie Cyber Security.