Der Cyberraum hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten von einer technischen Infrastruktur zu einem geopolitischen Handlungsraum entwickelt. Staatliche Akteure nutzen digitale Operationen heute nicht nur zur Spionage, sondern zunehmend zur politischen Einflussnahme, strategischen Destabilisierung und Unterstützung militärischer sowie wirtschaftlicher Ziele. NATO und zahlreiche nationale Sicherheitsbehörden betrachten den Cyberraum mittlerweile als eigenständige Operationsdomäne neben Land, See, Luft und Weltraum.
Gleichzeitig wächst die gesellschaftliche Abhängigkeit von digitalen Systemen. Energieversorgung, Gesundheitswesen, Transport, Finanzmärkte und öffentliche Verwaltung basieren auf hochvernetzten Infrastrukturen. Diese Vernetzung steigert Effizienz und Innovationsfähigkeit, schafft jedoch neue Angriffsflächen und strategische Abhängigkeiten.
Vor diesem Hintergrund stellt sich eine zentrale Sicherheitsfrage für Europa: Kann digitale Handlungsfähigkeit auch dann aufrechterhalten werden, wenn kritische Technologien, Kommunikationsnetze und digitale Lieferketten zunehmend Gegenstand geopolitischer Konflikte werden?
Wie Unternehmen und KRITIS-Betreiber ihre digitale Handlungsfähigkeit angesichts genau dieser geopolitischen Cyberbedrohungen stärken können, ist zentrales Thema der it-sa EXPO & Congress – Europas führender Fachmesse für IT-Security. Jetzt informieren und dabei sein.
Cyberwar als Instrument geopolitischer Einflussnahme
Der Begriff „Cyberwar" wird in Politik, Wissenschaft und Sicherheitsbehörden unterschiedlich verwendet. Eine allgemein akzeptierte Definition existiert bis heute nicht. Strittig bleibt insbesondere die Frage, ab wann digitale Operationen die Schwelle zu kriegerischen Handlungen überschreiten.
Unabhängig von definitorischen Debatten besteht jedoch weitgehend Konsens darüber, dass Cyberoperationen heute integraler Bestandteil staatlicher Machtprojektion sind. Sie ermöglichen Wirkung unterhalb der Schwelle eines offenen militärischen Konflikts, verursachen vergleichsweise geringe Kosten und bieten gleichzeitig hohe strategische Flexibilität.
Die Bedeutung digitaler Operationen wächst aus mehreren Gründen. Erstens sind moderne Gesellschaften hochgradig digitalisiert. Zweitens lassen sich Angriffe häufig verdeckt durchführen. Drittens können Cyberoperationen politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Effekte erzeugen, ohne unmittelbar physische Gewalt anzuwenden. NATO-Mitgliedstaaten haben den Cyberraum bereits 2016 offiziell als Operationsdomäne anerkannt. Damit wird seine strategische Bedeutung auf eine Ebene mit klassischen militärischen Handlungsräumen gestellt.
Für staatliche Akteure eröffnet dies neue Möglichkeiten: Informationsgewinnung, Einflussnahme auf öffentliche Meinungen, Vorbereitung potenzieller Sabotagehandlungen sowie die langfristige Positionierung in kritischen Infrastrukturen können parallel stattfinden – oftmals über Jahre hinweg und weitgehend unbemerkt.
Die Grauzone zwischen Frieden und Konflikt
Ein zentrales Merkmal moderner Cyberkonflikte ist ihre Einbettung in eine Grauzone zwischen Frieden und offenem Konflikt. Im Unterschied zu konventionellen militärischen Operationen gestaltet sich die eindeutige Zuordnung von Cyberangriffen häufig schwierig. Angreifer verschleiern ihre Identität über technische Umwege, kompromittierte Systeme oder Drittländer. Die sogenannte Attribution bleibt deshalb eine der größten Herausforderungen im Cyberraum.
Zusätzlich erschweren False-Flag-Operationen die Lage. Dabei werden technische Spuren bewusst so gelegt, dass der Verdacht auf andere Akteure gelenkt wird. Selbst wenn technische Indizien vorliegen, erfordert eine belastbare Zuschreibung meist die Kombination aus technischen, nachrichtendienstlichen und geopolitischen Informationen.
Diese Unsicherheit hat erhebliche politische Konsequenzen. Staaten müssen Entscheidungen treffen, obwohl häufig keine hundertprozentige Beweislage existiert. Gleichzeitig bewegen sich viele Cyberoperationen in juristischen Grauzonen, die durch das bestehende Völkerrecht nur teilweise abgedeckt werden. Für Unternehmen und KRITIS-Betreiber bedeutet dies, dass geopolitische Cyberrisiken nicht erst in militärischen Krisen relevant werden. Viele Operationen finden bereits lange vorher statt – als kontinuierliche Kampagnen zur Informationsgewinnung, Einflussnahme oder Vorbereitung potenzieller Störmaßnahmen.
Hybride Bedrohungen und das digitale Schlachtfeld
Cyberwar beschränkt sich nicht auf das Eindringen in IT-Systeme. Seine strategische Wirkung entsteht vielmehr durch die Kombination unterschiedlicher Instrumente. Zu den wichtigsten Elementen hybrider Bedrohungen gehören:
- Cyber-Spionage
- digitale Sabotage
- Desinformation
- psychologische Einflussnahme
- Informationsmanipulation
- wirtschaftlicher Druck
Diese Instrumente verfolgen häufig kein einzelnes Ziel. Vielmehr sollen Vertrauen in Institutionen geschwächt, politische Entscheidungen beeinflusst, gesellschaftliche Polarisierung verstärkt oder kritische Fähigkeiten eines Staates beeinträchtigt werden.
Aktuelle Lagebilder internationaler Sicherheitsbehörden zeigen, dass staatlich unterstützte Akteure insbesondere langfristige Spionageoperationen gegen Regierungsstellen, Forschungseinrichtungen und kritische Infrastrukturen durchführen. Gleichzeitig gewinnen Informationsoperationen und digitale Einflusskampagnen an Bedeutung.
Cyberwar unterscheidet sich dadurch grundlegend von klassischer Cyberkriminalität. Während kriminelle Gruppen primär finanzielle Ziele verfolgen, stehen bei staatlichen Akteuren politische, strategische oder militärische Interessen im Vordergrund. Hinzu kommt der Einsatz sogenannter Proxies. Dabei handelt es sich um Hackergruppen oder andere Akteure, die staatliche Interessen unterstützen, ohne offiziell Teil staatlicher Strukturen zu sein. Diese Konstruktionen erhöhen die politische Abstreitbarkeit und erschweren Gegenmaßnahmen.
KRITIS als strategisches Angriffsziel
Kritische Infrastrukturen stehen zunehmend im Fokus staatlicher Cyberoperationen. Der Grund liegt auf der Hand: Sie bilden das funktionale Rückgrat moderner Gesellschaften. Besonders relevant sind:
- Energieversorgung
- Telekommunikation
- Gesundheitswesen
- Transport und Logistik
- öffentliche Verwaltung
- Finanzwesen
Aus Sicht staatlicher Angreifer besitzen diese Bereiche hohe strategische Bedeutung. Bereits begrenzte Störungen können erhebliche gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Auswirkungen erzeugen.
Ein häufig genanntes Beispiel ist der Angriff auf das Satellitennetz KA-SAT unmittelbar vor Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine im Februar 2022. Nach Einschätzung der Europäischen Union führte die Cyberoperation zu Kommunikationsausfällen in der Ukraine und verursachte gleichzeitig Auswirkungen in mehreren EU-Mitgliedstaaten.
Die EU bewertete den Vorfall als Beispiel dafür, wie Cyberangriffe gegen kritische Infrastruktur grenzüberschreitende und systemische Folgen entfalten können.
Der KA-SAT-Vorfall verdeutlicht eine wesentliche Entwicklung: Digitale Infrastrukturen sind selten national begrenzt. Angriffe auf Kommunikationssysteme, Satellitennetze oder Cloud-Dienste können weit über das eigentliche Zielgebiet hinausreichende Folgen erzeugen.
Für Europa bedeutet dies, dass die Sicherheit Kritischer Infrastrukturen zunehmend als gesamteuropäische Resilienzfrage betrachtet werden muss.
Wenn digitale Abhängigkeiten zur Verwundbarkeit werden
Die größte Verwundbarkeit Europas entsteht nicht zwangsläufig durch einzelne Cyberangriffe, sondern durch digitale Abhängigkeiten. Moderne Organisationen sind heute Teil komplexer Technologie-Ökosysteme. Dazu gehören:
- Cloud-Plattformen
- Software-Lieferketten
- Kommunikationsplattformen
- globale Halbleiter-Lieferketten
- digitale Dienstleister
- Plattformökonomien
Diese Strukturen schaffen erhebliche Effizienzgewinne. Gleichzeitig entstehen Konzentrationsrisiken. Fällt ein zentraler Dienstleister aus oder gerät unter geopolitischen Druck, können die Auswirkungen zahlreiche Organisationen gleichzeitig betreffen. Dass digitale Abhängigkeiten zunehmend als Risikofaktor betrachtet werden, zeigen aktuelle Bedrohungsanalysen von ENISA, die digitale Infrastruktur und Lieferketten als besonders sensible Angriffspunkte hervorheben.
Auch geopolitische Spannungen können technologische Abhängigkeiten plötzlich sichtbar machen. Exportbeschränkungen, Sanktionen, Lieferengpässe oder politische Konflikte können die Verfügbarkeit kritischer Technologien beeinflussen.
Für Unternehmen und KRITIS-Betreiber erweitert sich dadurch das klassische Risikomanagement. Die Frage lautet nicht mehr nur, ob Systeme ausreichend abgesichert sind. Ebenso relevant ist die Analyse, von welchen externen Technologien, Plattformen und Lieferketten die eigene Handlungsfähigkeit abhängt.
Digitale Handlungsfähigkeit als neue Sicherheitsdimension
Die zentrale Managementfrage lautet daher zunehmend nicht: Wie verhindern wir jeden Angriff? Sondern: Wie bleiben wir handlungsfähig, wenn Angriffe erfolgreich sind?
Dieser Perspektivwechsel markiert den Übergang von einer primär präventionsorientierten Sicherheitslogik hin zu einer Resilienzlogik. Sicherheitsbehörden und internationale Organisationen betonen zunehmend die Bedeutung organisatorischer Widerstandsfähigkeit. NATO verweist ausdrücklich auf die zentrale Rolle resilienter nationaler Strukturen und kritischer Infrastrukturen für die kollektive Sicherheit.
Digitale Handlungsfähigkeit umfasst dabei mehrere Dimensionen:
- Aufrechterhaltung kritischer Geschäftsprozesse
- schnelle Wiederherstellung gestörter Systeme
- belastbare Krisenorganisationen
- alternative Kommunikationswege
- wirksame Entscheidungsstrukturen
- transparente Krisenkommunikation
Gerade KRITIS-Betreiber müssen davon ausgehen, dass einzelne Schutzmaßnahmen überwunden werden können. Entscheidend ist deshalb die Fähigkeit, Störungen zu begrenzen und kritische Funktionen aufrechtzuerhalten.
Redundanzen gewinnen hierbei strategische Bedeutung. Sie umfassen nicht nur technische Reservekapazitäten, sondern auch alternative Lieferanten, Ausweichprozesse, Notfallkommunikation und organisatorische Krisenpläne. Resilienz wird damit zu einer Managementaufgabe auf Vorstands- und Geschäftsführungsebene. Cyberrisiken betreffen nicht mehr ausschließlich die IT-Abteilung. Sie beeinflussen Geschäftskontinuität, Unternehmenssteuerung und strategische Risikopositionen.
Was digitale Souveränität wirklich bedeutet
Kaum ein Begriff wird derzeit kontroverser diskutiert als digitale Souveränität. Häufig entsteht der Eindruck, digitale Souveränität bedeute technologische Autarkie. Eine solche Interpretation greift jedoch zu kurz. Für offene und global vernetzte Volkswirtschaften wäre vollständige technologische Unabhängigkeit weder realistisch noch wirtschaftlich sinnvoll. Moderne Innovation entsteht in internationalen Wertschöpfungsnetzwerken.
Digitale Souveränität bedeutet vielmehr die Fähigkeit, unter verschiedenen Handlungsoptionen selbstbestimmt wählen zu können und auch in Krisensituationen kritische Funktionen aufrechtzuerhalten.
Im Kern geht es um:
- Risikotransparenz
- strategische Handlungsspielräume
- resilient gestaltete Abhängigkeiten
- Verfügbarkeit von Alternativen
- kontrollierbare Risiken
Digitale Souveränität ist damit kein Zustand vollständiger Unabhängigkeit, sondern eine Frage der Steuerungsfähigkeit. Europa steht dabei vor der Herausforderung, wirtschaftliche Offenheit mit strategischer Resilienz zu verbinden. Entscheidend wird sein, Abhängigkeiten dort zu reduzieren, wo sie systemkritische Auswirkungen entfalten können, ohne die Vorteile globaler Digitalisierung grundsätzlich infrage zu stellen.
Handlungsempfehlungen für Entscheider
Für Vorstände, Geschäftsführer, KRITIS-Verantwortliche und CISOs ergeben sich daraus mehrere strategische Handlungsfelder:
- Cyberresilienz als Managementthema verankern: Cyberrisiken sollten als Unternehmens- und Geschäftsrisiken bewertet werden – nicht ausschließlich als IT-Risiken.
- Business Continuity Management stärken: Notfall- und Wiederanlaufkonzepte müssen regelmäßig überprüft, getestet und an geopolitische Risikoszenarien angepasst werden.
- Krisenmanagement professionalisieren: Klare Entscheidungswege, Krisenstäbe und Kommunikationsprozesse sind entscheidend, wenn technische Störungen operative Auswirkungen entfalten.
- Digitale Abhängigkeiten analysieren: Organisationen sollten kritische Lieferanten, Cloud-Anbieter, Software-Abhängigkeiten und Kommunikationsplattformen systematisch bewerten.
- Multi-Cloud- und Exit-Strategien prüfen: Alternativen zu einzelnen kritischen Dienstleistern erhöhen die Handlungsfähigkeit im Krisenfall.
- Lieferkettenrisiken integrieren: Sicherheitsbewertungen sollten die gesamte digitale Wertschöpfungskette berücksichtigen.
- Resilienz-Übungen durchführen: Szenarioanalysen und Krisenübungen helfen, Schwachstellen frühzeitig sichtbar zu machen und Entscheidungsfähigkeit zu trainieren.
- Informationsaustausch fördern: Kooperationen mit Branchenverbänden, CERTs, Sicherheitsbehörden und KRITIS-Netzwerken verbessern das Lagebild und die Reaktionsfähigkeit.
- Zusammenarbeit mit Behörden ausbauen: BSI, nationale Cyber-Sicherheitszentren sowie europäische Institutionen bieten zunehmend Unterstützungs- und Austauschformate für Betreiber Kritischer Infrastrukturen.
- Strategische Resilienzkennzahlen etablieren: Messgrößen für Wiederanlaufzeiten, Abhängigkeiten, Notfallfähigkeit und Krisenreaktionen sollten Teil moderner Governance-Strukturen werden.
Fazit
Cyberwar ist heute weit mehr als digitale Sabotage. Er ist Bestandteil hybrider Konflikte und verbindet Spionage, Einflussnahme, Desinformation und die gezielte Ausnutzung digitaler Abhängigkeiten. Seine größte Wirkung entsteht nicht durch spektakuläre Einzelereignisse, sondern durch die schrittweise Erosion von Vertrauen, Stabilität und Handlungsfähigkeit.
Für Europa liegt die zentrale Verwundbarkeit deshalb nicht allein in technischen Schwachstellen, sondern in der wachsenden Abhängigkeit von digitalen Infrastrukturen, Plattformen und globalen Technologie-Ökosystemen.
Die entscheidende Herausforderung der kommenden Jahre wird darin bestehen, digitale Handlungsfähigkeit auch unter Krisenbedingungen zu gewährleisten. Resilienz, Krisenvorsorge und strategisch gestaltete Abhängigkeiten werden damit zu wesentlichen Bestandteilen europäischer Sicherheit.
Digitale Souveränität bedeutet folglich nicht Autarkie. Sie bedeutet die Fähigkeit, auch dann noch selbstbestimmt handeln zu können, wenn geopolitische Spannungen den digitalen Raum zunehmend zum Schauplatz internationaler Machtpolitik machen. Europas zukünftige Stabilität wird maßgeblich davon abhängen, wie erfolgreich diese Handlungsfähigkeit gesichert werden kann.
Quellen
Microsoft: Digital Defense Report 2025

